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Offener Brief an den Oberbürgermeister

Umgang der Stadtverwaltung mit der Corona-Krisensituation

Bild von Pete Linforth auf Pixabay

Sehr geehrter Oberbürgermeister Jung,

ich schreibe Ihnen als Leipzigerin, die sich sorgt. Sorgt um den Umgang und die Maßnahmen, die bisher in Bezug auf die aktuelle medizinische und gesundheitliche Krisensituation in Leipzig getroffen wurden.

Wer sich in den letzten Tagen ein wenig mit der Entwicklung befaßt hat, weiß, daß das Motto nur heißen kann: „Flatten the Curve“ (deutsch: „Verflache die Kurve“). Dies ist als Aufforderung an die gesamte Gesellschaft zu verstehen, alle Anstrengungen zu unternehmen, um durch eine langsameren Anstieg der Infektionsrate die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems aufrecht zu erhalten.

Warum das so wichtig ist, erklärt die Washington Post gerade sehr anschaulich.

Aktuell wirkt es in Leipzig allerdings so, als übernähme die Zivilgesellschaft viel mehr Verantwortung und zeige viel mehr Vernunft, als es das von uns gewählte Stadtoberhaupt tut. Ein Beispiel: die Clubs, die sich als Interessengemeinschaft Livekomm zusammengeschlossen haben, haben – obwohl es für sie absolut existenzbedrohend ist – entschieden, daß Menschenleben höher zu bewerten sind als die Aufrechterhaltung des Kulturbetriebs und daher jegliche Veranstaltung abgesagt. Andere Clubs wie das Elsterartig oder das L1 scheinen kein Problembewußtsein zu haben, öffnen noch immer ihre Türen und vermitteln durch das Verteilen von „Hygiene-Päckchen“ Pseudo-Sicherheit.

Dr. Eric Liang Feigl-Ding, Experte für Öffentliche Gesundheitsvorsorge an der Harvard Universität, weist auf folgenden Zusammenhang hin:

Südkorea testet (fast) flächendeckend. Ergebnis: Viele junge Leute sind infiziert. Italien testet derzeit nur bei schweren Symptomen und findet daher hauptsächlich die Älteren. Junge Überträger bleiben meist unentdeckt. Sie verbreiten das Virus durch ihren eher aktiven Lebensstil sehr schnell. Das bedeutet: unter 30jährige sind die, die den Virus in der Gesellschaft verteilen. Deswegen müssen sie sich, auch wenn sie keine Symptome haben, unbedingt zurücknehmen und am besten zu Hause bleiben. Sie sind durch ihr Verhalten einer der entscheidenden Faktoren für weniger Ansteckungen und damit Tote.

In Berlin haben sich in einer Nacht durch geöffnete Clubs 42 Menschen angesteckt. Insgesamt sind 263 Menschen infiziert, ein Sechstel davon durch Clubbesuche. Diese werden wieder andere Menschen anstecken, noch bevor Maßnahmen ergriffen werden können. Währenddessen fanden hier in Leipzig noch vor vier Tagen parallel an einem Platz ein Konzert mit Tausenden Besuchern und ein Fußballspiel mit 42.000(!) Zuschauern statt.

Wir sind in Deutschland nach aktuellen Schätzungen etwa acht(!) Tage hinter der Entwicklung von Italien. Dort ist die mit Deutschland vergleichbare Region Nord-Italien mittlerweile so weit, Kranke (und damit sind auch Erkrankte gemeint, die mit völlig anderen gesundheitlichen oder medizinischen Problemen kämpfen als Corona) nach dem Triage-System zu unterteilen. Das sind grob gesagt noch aus dem Weltkriegen stammende Eckpunkte, mit denen Mediziner beurteilen, ob sich die Behandlung noch lohnt, wenn nicht mehr genug medizinische Ressourcen vorhanden sind.

Francois Balloux, Biologe und Direktor des Genetischen Institutes am University College London, vergleicht die derzeitige Corona-Pandemie mit der größten ernstzunehmenden Bedrohung der Öffentlichen Gesundheit seit der Grippe-Pandemie vor einhundert Jahren.

Mehr als die Hälfte aller Corona-Intensivpatienten in Frankreich sind unter(!) 60.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, ich bitte Sie dringend: hören wir in dieser Krise – so wie auch bei der Klimakrise – auf Experten. Christian Drosten ist einer der führenden Virologen in Deutschland. Täglich klärt er in Zusammenarbeit mit dem Norddeutschen Rundfunk in einem halbstündigen Audiobeitrag sachlich und immer der aktuellen Situation angepaßt auf.

Solange Panik vermeiden, bis diese aufgrund der diffusen Informationslage von allein ausbricht ist keine Alternative! Wir können aktuell weder auf die Landes- noch auf die Bundespolitik warten. Diese haben bisher wertvolle Zeit beim Taktieren verschwendet.

Bei einer Pandemie sind die Maßnahmen, die panisch wirken, diejenigen, welche im Nachhinein betrachtet am besten wirken und dazu führen, daß man irrtümlich glaubt, es wäre ja alles nicht so schlimm gewesen und man hätte überreagiert. Die „gefühlte“ Überreaktion ist es, die eine Pandemie verlangsamt und vielleicht stoppt.

Professor Graham Medley, Experte für die Lehre von der Verbreitung ansteckender Krankheiten am Londoner Lehrinstitut für Hygiene und Tropenmedizin, rät dringend: Entscheidend ist jetzt, daß wir uns nicht alle so verhalten, als würden wir das Virus nicht bekommen wollen, sondern so, als hätten wir es bereits und müßten andere vor der Übertragung schützen.


Viele Leipziger Bürger und auch Mitarbeiter der Stadtverwaltung und der stadteigenen Betriebe wenden sich an mich, weil sie massiv verunsichert sind über das bisherige kaum spürbare Krisenmanagement der Stadt und ihres Stadtoberhauptes. Ja, Krisenmanagement muß nicht geräuschvoll sein. Aber in einer unübersichtlichen Situation sollte es klar sichtbar sein und Orientierung für die Menschen bieten.

Verständlich, daß der Bevölkerung der Ernst der Lage nicht klar ist, wenn die Stadtverwaltung so verhalten reagiert und vor allem – ich bitte um Verzeihung – so derart mies in Kommunikation ist, daß offenbar vermehrt dementiert und Richtigstellungen und Gegendarstellungen veröffentlicht werden.

Dr. Michael Ryan, Leiter des COVID-19-Krisenstabes der Weltgesundheitsorganisation WHO, sagt:
„Perfection is the enemy of the good when it comes to emergency management. […] Speed trumps perfection.“ (deutsch: Perfektion ist der Feind des Guten, wenn es um Notfall-Management geht. Schnelligkeit sticht Perfektion.)

 

Als unseren Oberbürgermeister fordere ich Sie daher auf:
Handeln und kommunizieren Sie endlich!
Handeln Sie transparent, konsequent und entschlossen!
Kommunizieren Sie klar, ehrlich und direkt!

 

Die Fragen, die Sie jetzt erklären müssen, sind unter anderem:

Wie sind die Leipziger Krankenhäuser auf die Pandemie vorbereitet?

Sind die Blutspenden aus Angst vor dem Coronavirus zurückgegangen? Droht daher eine Knappheit an Blutkonserven? Wie können Spender hinzugewonnen werden?

Wird es flächendeckende Corona-Tests in Leipzig geben?

Werden in Leipzig Post-Mortem-Tests auf COVID-19 durchgeführt? Wenn nein, warum nicht?

Welche Maßnahmen werden speziell in Bezug auf Wohnungs- und Obdachlose getroffen? Was können diese Menschen tun, um sich zu schützen?

Welche Vorkehrungen werden in sozialen Einrichtungen wie Frauenhäuser, vertrauliche Beratungsstellen etc. getroffen?

Wann werden ALLE bisherigen Informationen auf einer zentralen Website zusammengeführt?

Wann und in welcher Form wird es Informationen für Gehörlose oder Blinde geben?

Wann werden Informationen in leichter Sprache verfügbar sein?

Werden Sie sicherstellen, daß die Deutsche Bahn nicht den S-Bahn-Verkehr einschränkt, wodurch die Züge wieder voller werden und die Gefahr eine Ansteckung steigt?

Welchen Maßnahmen werden insbesondere in Bezug auf die Leipziger Verkehrsbetriebe ergriffen, um den Betrieb sicherzustellen?

Welche konkreten Möglichkeiten haben Menschen, deren Einkommen nun ungesichert ist, Hilfe zu bekommen?

Werden Fristen des Finanzamtes, der Gerichte, der Stadtverwaltung oder des Jobcenters verlängert oder ausgesetzt? Werden Zahlungen gestundet?

Wird es überplanmäßige Auszahlung von Leistungen für Hartz-IV- oder Sozialhilfe-Empfänger geben, die keine Ansparungen vornehmen konnten, um sich nun mit Lebensmitteln für eine längere Selbstquarantäne zu bevorraten?

Wird die persönliche Meldepflicht für Hartz-IV-Empfänger ausgesetzt?

Wie sollen sich Menschen verhalten, die tagelang hintereinander in den für sie erreichbaren Supermärkten kein Toilettenpapier vorfinden?

Wo finden Eltern Lehr- und Beschäftigungsmaterialien für Kinder?

Welche häuslichen Vorbeugungsmaßnahmen (beim Wäsche waschen, Gegenstände säubern, die ins Haus kommen oder das Haus verlassen etc.) müssen ergriffen werden?

Welchen zentralen Drehpunkt wird es geben, um älteren Menschen Verrichtungen wie Einkäufe etc. zu organisieren?

Wann werden Clubs, Restaurants, private Museen und Spielstätten sowie nicht versorgungsnotwendige Läden schließen?

Welche weiteren konkreten Maßnahmen wurden bisher ergriffen?

Welche weiteren Maßnahmen werden derzeit vorbereitet?

Mir ist bewußt, daß einige Fragen davon nicht ausschließlich auf kommunaler Ebene zu beantworten oder gar zu lösen sind. Dennoch wurden sie mir in den letzten Tagen häufig gestellt und müssen gerade deswegen angesprochen und adressiert werden. Es ist Aufgabe eines Stadtoberhauptes, nicht nur hinter den Kulissen zu wirken, sondern auch die Person zu sein, die Maßnahmen aktiv kommuniziert und vorbildhaft nach außen trägt. Es geht um Präsenz und das Vermitteln einer Beruhigung. Das sind Maßnahmen, die auch bei unklarer Lage Panik vermeiden.

Bitte beantworten Sie daher auch Fragen der Bevölkerung, die dumm, unsinnig, übertrieben oder abwegig erscheinen mögen. Beispielsweise ist die tagelange nur eingeschränkte Verfügbarkeit von bestimmten Warengruppen ein Fakt, den viele Leipziger erlebt haben. Nicht jeder ist in der Lage, auch weiter entfernt liegende Läden aufzusuchen oder es immer wieder auf gut Glück irgendwo zu probieren.

Bitte würdigen Sie in diesem Zusammenhang auch die Leistung der Menschen im Einzelhandel, die sich gerade nicht vor Ansteckung schützen können und unsere Versorgung versuchen sicherzustellen.

Bitte geben Sie einer verunsicherten Bevölkerung Sicherheit. Das ist Ihre Aufgabe und ich als Leipzigerin bitte Sie, diese auszufüllen – auch und gerade, wenn es unangenehm wird oder wenn man persönlich Angst hat. Das verstehe ich. Auch ich habe eine Familie und einen Freundeskreis. Bei der Erfüllung dieser Aufgaben zum Wohle der Stadt Leipzig können Sie jederzeit auf mich und sicher auf alle Leipziger zählen.

Die Menschen erleben durch diese Krise einen massiven Kontrollverlust, dies umso schlimmer, je mehr wirtschaftlich und finanziell abhängiger jemand ist. Es fehlt aktuell völlig eine politische, gesellschaftliche Einbindung dieser Personen. Dies wird im schlechtesten Fall Populisten im Nachgang erneut Aufwind geben.

Die Eigenheit von Krisen nämlich ist es, daß sie viele menschliche Schwächen gnadenlos aufdeckt: Egoismus, Kurzsichtigkeit, Urteilsschwäche, Feigheit. Aber Krisen beinhalten auch immer die Chance auf Gewinn. Durch Stärke, Mut, Solidarität, Gemeinschaft, Sinn, Selbstvertrauen. Wir als Stadtgesellschaft entscheiden, was wir gewinnen lassen.

Mit dem Wunsch auf Gesundheit für alle

Ute Elisabeth Gabelmann

Über

Leipzigerin aus Leidenschaft. Verliebt in die Stadt. Mutter eines Zirkuskaters. Kennt die beste Eisdiele der Stadt.

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